Archiv nach Monaten: September 2008

Soll ich erst noch ein bisschen um den heißen Brei reden? Ich könnte zum Beispiel erzählen, dass der betreffende Roman schon einige Wochen (Monate?) hier in einem Stapel wartete, öfter zur Hand genommen, aber nie als aktuelles Buch erwählt wurde. Oder ich könnte von dem Autor erzählen, der erst 23 Jahre alt ist und erwähnen, dass dieser Roman sein Debüt war. Vielleicht auch damit einleiten, dass er der jüngste Autor ist, der je bei Diogenes verlegt wurde.

Ach, ich will Euch nicht länger auf die Folter spannen. Dieser grandiose Debütroman ist „Becks letzter Sommer“ von Benedict Wells. Und ich habe ihn innerhalb eines halben Tages (nämlich heute Vormittag bis Nachmittag) gelesen verschlungen.

Worum geht es?
Der 37jährige Robert Beck ist Lehrer für Deutsch und Musik an einem Gymnasium in München. Nicht, weil das sein Traumberuf war, sondern eher, weil sein mittlerweile verstorbener Vater ihn einst in diese Richtung geschubst hatte. Er selbst wäre gern Musiker geworden. Nun ist er ein unzufriedener Lehrer, der seine Schüler um ihre Jugend und ihre Möglichkeiten beneidet, Beziehungstechnisch nichts länger als drei Monate durchhält und auf eine seiner Schülerinnen steht. Doch plötzlich ist da Lara, die nette Kellerin, die bald nach Rom ziehen wird, und dieser stille neue Schüler, Rauli, der sich als unglaublich musikalisches Talent entpuppt und voller Geheimnisse steckt. Nicht ganz uneigennützig entschließt sich Beck, der Manager des Jungen zu werden. In dem bis dahin dahinplätschernden Leben bilden sich wahre Strudel und so richtig abenteuerlich wird es, als er spontan mit Rauli und seinem hypochondrischen Kumpel Charlie in die Türkei fährt und Lara ihr Studium in Rom antreten will.

Während des Lesens kommt man nicht eine Minute auf die Idee, dass der Autor noch so jung ist. Übrigens begegnen wir ihm selbst in dem Roman einige Male. Eine nette Idee, die gut funktioniert. Dieser Roman ist intelligent, witzig, philosophisch, ist wunderbar geschrieben, weiß immer wieder zu überraschen und pulsiert einem zwischen den Fingern. Großartig! Ich bin schwer begeistert und kann ihn nur ausdrücklich empfehlen!

Übrigens spielt Benedict Wells selbst in einem Band. Mehr über ihn findet man hier. Eine richtige Homepage hab ich leider nicht gefunden.

Von meinen letzten vier ausgelesenen Bücher davor („Goodbye Lemon„, „Seelenbrecher„, „City Of Ashes“ und „Hölle„) berichte ich in den nächsten Tagen. Soviel jetzt: Das Urteil „Beste Unterhaltung“ trifft auf alle zu.

Bei dem Anblick kam mir sofort die geniale „Abarat„-Reihe von Clive Barker in den Sinn. Dort gibt es ein Meer, das hin und wieder auf einer großen Wiese entsteht, als Verbindung zwischen zwei Welten – unserer Realität und Abarat. Natürlich fuhren dort auch Schiffe.
Diese Wiese hier befindet sich allerdings auf Zingst.

Wann endlich ein dritter „Abarat“-Teil erscheint, ist noch nicht bekannt. Dafür gibt es im Oktober andere frische Kost vom großartigen Barker: „Gewebte Welt

Ich sollte häufiger über die Bücher schreiben, die ich anlese, aber nicht beende. So passiert erst kürzlich bei „Die alltägliche Physik des Unglücks“ von Marisha Pessl. Hochgelobter Bestseller, der nun als Taschenbuch erschienen ist. Das Cover ist genauso kitschig-blumig-bunt wie bei der gebundenen Ausgabe, aber davon darf man sich ja nicht abschrecken lassen. Anlocken sollen die jubelnden Zitate der bekannten Zeitungen; der SPIEGEL nennt Pressl „eine hinreißende literarische Begabung“, der FOCUS bezeichnet den dicken Schinken einen „der besten Debüts seit Jahren“ und die SÜDDEUTSCHE sogar als „Wunder“. Wobei diese Bezeichnung noch etwas Spielraum lässt.

Auf den ersten Seiten des Romans war ich noch optimistisch und sogar erfreut über den frischen Stil. Der Text ist gespickt mit Metaphern, Zitaten und Verweisen. Das sieht z. B. so aus:

„Mit Dad durch die Gegend zu fahren war aber nicht kathartisch oder befreiend (siehe Unterwegs, Jack Kerouac, 1957). Es war anstrengend. Es war ein Sonnet-a-thon. Es war Hundert Meilen Einsamkeit; der Versuch, Das wüste Land auswendig zu lernen.“ (S. 36)

„Er hieß Andreo Verduga und war das schönste Wesen, das ich je gesehen hatte (siehe Panther, Das Wunder der Raubtiere, Goodwin, 1987). Er war braun gebrannt, hatte schwarze Haare, Zigeuneraugen und, soweit ich das von meinem Fenster im ersten Stock beurteilen konnte, einen Oberkörper so glatt wie ein Flusskiesel. Er stammte aus Peru. Er verwendete ein schweres Eau de Cologne und die Sprache eines altmodischen Telegramms.“ (S. 51)

Doch irgendwann beginnt es zu nerven. Sowohl die Figuren als auch die Autorin wirken altklug und arrogant. Es entsteht weder Sympathie noch Faszination, die Handlung dümpelt so vor sich hin und man fragt sich, ob man das über 700 Seiten aushalten möchte.
Ich hab nach etwa 200 Seiten aufgegeben.

Worum es überhaupt geht?
Der Vater von Blue ist Universitätsprofessor. Seit dem Tod ihrer Mutter ziehen die beiden durchs Land. Nie bleiben sie länger als ein Semester in einem Ort und jedes Mal ist sie „Die Neue“.
Wieder ein neues Schuljahr in einer neuen Stadt, wieder neue Freunde und Lehrer. Und dann stirbt ihre Lieblingslehrerin. Ein Mord? Wer war der Mörder? Und warum?

Laut einiger Rezensionen soll es zu allem Überfluss auch noch mystisch werden.
Ich werde es nie erfahren.
Aber damit kann ich gut leben.

Am Freitag hab ich mir vor der Mittagspause kurzentschlossen „Die Show“ von Richard Laymon gekauft. Das Cover hat mich magisch angezogen und über dem vielversprechenden Klappentext behauptet Stephen King „Es wäre ein Fehler, Richard Laymond nicht zu lesen!“.
Gestern Abend habe ich die letzte Seite erreicht und war begeistert: Ein grandioser Horror-Thriller mit lebendiger „Stand-by-me„-Atmosphäre, wahnsinnig spannend und unterhaltsam geschrieben!

Zur Story: Der Roman spielt an einem einzigen Tag (sieht man mal von vielen gut eingefügten Rückblicken ab), einem heißen Augusttag, an dem um Mitternacht eine reisende Vampirshow in der Nähe des kleinen Ortes Grandville eine Vorstellungen geben wird. Besonders der 16jährige Rusty will unbedingt die „umwerfende und betörende“ Vampir-Dame Valeria sehen und überredet seine beiden besten Freunde Dwight (der uns als Erzähler durch die Geschichte führt) und Slim (die eigentlich Frances heißt), mit ihm zur Show zu gehen.
Um nicht zu viel von der Handlung vorweg zu nehmen, belasse auch ich es jetzt bei einem unheilvollen „Und das Unglück nimmt seinen Lauf…“.

Der Roman ist in der „Hardcore“-Reihe von Heyne erschienen, aber höchstens wegen der letzten Seiten bekäme er, würde man ihn verfilmen, eine FSK ab 18.

Laymon versteht es großartig, mit den gespannten Lesern zu spielen, er nimmt sie mit in eine verträumte 60er Jahre Kleinstadt, stellt ihnen dreidimensionale Figuren zur Seite, jongliert gekonnt mit Handlung und Rückblicken, und macht, vor dem wirklich grausigen Finale an den richtigen Stellen „Buh!“, dass man das Buch keine Sekunde aus der Hand legen möchte.

Übrigens hat Laymon, der leider 2001 verstorben ist, für diesen Roman den „Bram Stoker Award“ erhalten. Da noch nicht alle seiner Romane in deutscher Übersetzung erschienen sind, wird es in den nächsten Jahren weitere Neuerscheinungen geben.

Und ich denke, es wäre ein Fehler sie nicht zu lesen. ;-)