Ich war es vor dem Lesen und bin es jetzt danach: Zwiegespalten. Es war mein erster Roman von Frau Dorn, die ich vorher nur aus Artikeln und aus dem Fernsehen kannte. Nach diesen ersten Eindrücken kein Mensch, mit dem ich gern mal plaudernd zusammen sitzen würde, für mich kommt sie sehr hart und kalt rüber, kein Sympathieträger, aber ich glaube, das will sie auch gar nicht sein. Als ich mit dem Buch begann, war ich von ihrem Stil recht angetan, doch im zweiten Teil des Buches gibt es einen überraschenden Twist, an sich ok, aber zu sehr in die Länge gezogen und zäh. Teilweise auch unglaubwürdig, doch darüber will ich mich nicht streiten, die menschliche Psyche ist halt komplex und ich bin keine Psychologin.
Kurz zum Inhalt: Eine junge Frau wird von einem Psychopathen entführt, der mit ihr durch Europa reist und unterwegs munter Mädchen ermordet.
Wie gesagt, ich bin zwiegespalten: Ein interessantes, aber nicht ganz rundes Leseerlebnis.
Hier Frau Dorn dazu (Achtung: Spoiler!):
Auch hier das Thema Psychologie, nur diesmal wirklich autobiographisch: Bei Pelle Sandstrak entwickelt sich in der Schulzeit ein Tourette-Syndrom, gepaart mit vielen Zwangshandlungen, die mit den Jahren immer stärker und zahlreicher werden. Leider war das Krankheitsbild zu dieser Zeit in Schweden noch nicht sehr bekannt und er durchläuft erfolglos ein paar halbherzige Psychotherapien, bleibt also mehr oder weniger auf sich allein gestellt. Die Krankheit wird immer extremer und für viele Tätigkeiten, wie z.B. eine Türschwelle übertreten, duschen, auf die Toilette gehen, für die ein „normaler Mensch“ (im Buch auch „die Normalvariante eines Menschen“ genannt), ein paar Minuten braucht, benötigt er oft einen halben Tag oder noch länger. Bis seine Erkrankung endlich erkannt und therapiert wird, vergehen viele Jahre, in denen er aus etlichen Jobs gefeuert wurde, immer weniger Kontakte zu anderen Menschen hatte, zeitweise Obdachlos war und abgrundtief verzweifelt.
Pelle Sandstrak erzählt seine Geschichte sehr mitreissend und mit einer guten Portion Humor und Selbstironie. Toll!
Allen Verschwörungstheoretikern sei versichert, es ist wirklich nur ein Zufall, dass es wieder genau 23 Bücher sind, die sich zwischenzeitlich angesammelt haben.
Da einige der folgenden Romane noch nicht im Handel erschienen sind, darf ich aus rechtlichen Gründen nur wenig darüber schreiben.
Los geht’s:
1. „Die Brautprinzessin“ von William Goldmann
(meine Ausgabe war allerdings diese)
Die Brautprinzessin wartete schon seit Jahren in einem Stapel auf ihren großen Auftritt, nun war es endlich soweit, und es entpuppte sich als ein sehr überraschendes Buch! Ähnlich wie bei Michael Endes „Unendliche Geschichte“ ist der Text zweifarbig und besteht aus einem „realen“ und einem „gelesenen“ Teil. Goldmann fasst ein (fiktives) Märchen zusammen und lässt alle langweiligen Szenen (wie zum Beispiel einen Umzug) einfach weg. Der Roman sprüht vor Wortwitz und überraschenen Wendungen – toll!
2. „Das Kind„ von Sebastian Fitzek
Bei den Thriller von Fitzek gilt immer: Mindestens einen halben Tag Zeit im Rücken haben, bevor man die erste Seite aufschlägt! Ich hab bisher für keinen seiner Romane länger als 1-2 Tage gebraucht (nur widerwillig unterbrochen für Arbeit, Schlaf und Nahrungsaufname), auch hier jagt ein Cliffhanger den nächsten und man brennt begierig auf Auflösung. Kurz zum Inhalt: Ein Junge glaubt fest daran, in einem früheren Leben Menschen umgebracht zu haben und kann sogar sagen, wo die Leichen liegen. Und dort werden auch welche gefunden… Mordsmässig spannend!
3. „Das Geheimnis der 100 Pforten„ von N. D. Wilson
Ein solides Jugendbuch: Henrys Eltern sind verschollen und er kommt bei seinem Onkel (die interessanteste Figur des Buches) und dessen Familie unter. In seinem Zimmer entdeckt er hinter der Tapete lauter Türen, hinter denen sich andere Welten befinden. Die Sprache ist recht einfach gehalten, die Handlung ist, bis auf ein paar Längen, spannend.
4. „Flavia de Luce – Mord im Gurkenbeet“ von Alan Bradley
Was für eine Perle! Es war Liebe auf den ersten Blick, dieses wunderbare Cover hat mich sofort verzaubert, und der Inhalt erst… verdammt gut, von der ersten bis zur letzten Seite! Kaufen, genießen und auf die Fortsetzung lauern!
Flavia ist 11 Jahre alt und wohnt mit ihren beiden älteren Schwestern und ihrem Vater in einem englischen Dorf in den 50er Jahren. Sie ist etwas altklug, sehr schlau, leidenschaftliche Giftmischerin und neugierige Hobbydetektivin. Eines Morgens entdeckt sie im Garten eine Leiche. Ihr Vater kommt als Verdächtiger ins Gefängnis. Nun ist es an ihr diesen Fall aufzulösen.
Der erste (zum Glück abgeschlossene) Teil einer neuen Reihe und Alan Bradley wurde auf der Basis eines einzigen Kapitels mit dem Dagger Award ausgezeichnet. Absolut gerechtfertigt, absolut genial!
5. „Blankets„ von Craig Thompson
Nach der Testosteron-Graphic-Novel zu Kings Turm meine zweite Berührung zu dieser Gattung, ein gewagtes Geschenk, doch diesmal hat auch mich diese andere Art der Literatur total begeistert! Eine Liebesgeschichte, so real, so nah erzählt, das Zusammenspiel der Worte und Zeichnungen war wirklich ein absolut großartiges Gesamterlebnis! Danke!
6. „Das Haus der vergessenen Kinder“ von Christopher Ransom
Eine solide und stimmungsvolle Geisterhausgeschichte, die man aber nicht gelesen haben muss.
7. „Der Name dieses Buches ist ein Geheimnis„ von Pseudonymous Bosch
Und das war es in meinem Falle wirklich: Auf dem Leseexemplar, dass ich in die Hände bekam, stand nichts außer dem Titel. Und es entpuppte sich als wunderbares und spannendes Jugendbuch!
8. „Splitter„ von Sebastian Fitzek
Wieder ein klassischer Cliffhanger-Lesesuchtverursachender-Fitzek, nur war ich diesmal von der Auflösung enttäuscht.
9. „Dämonenhunger„ von Timothy Carter
„Dies ist die Geschichte der Vernichtung der Welt. Es ist eindeutig keine Geschichte über irgendeinen Helden, der den Weltuntergang verhindert, obwohl natürlich Helden und Bösewichte darin vorkommen, ebenso wie phantastische Geschöpfe und Magie. Nicht zu vergessen Schlachten, Niederlagen und Siege. Doch freue dich nicht zu früh, liebe Leser. Dieses Buch wird trotzdem mit dem Untergang unserer guten alten Mutter Erde enden. Das Spiel wird nicht in letzter Minute abgepfiffen, es gibt keine schicksalshafte Kehrtwende und auch keinen überraschenden Schlussgag à la >Puh, das war jetzt aber knapp<.“ (S. 9)
Wer Autoren wie Christopher Moore oder Terry Pratchett mag, wird auch hier voll auf seine Kosten kommen: Witziger und wilder Lesespaß, garantiert!
10. „Einfach losfahren„ von Fabio Volo
Dieses Buch sollte man allen armenpseudointellektuellen suchenden Coelho-Lesern in die Hand drücken: Hier, wenn ihr schon sowas braucht, nehmt doch gleich was richtig Gutes!
Ein feiner und schlauer Roman über das Leben und die Sinnsuche, intelligent und lebendig geschrieben, der sich nur im letzten Viertel etwas zu sehr im Kreis dreht.
11. „Die Dramaturgie des Tötens„ von Jincy Willett
Sehr spannender Thriller über eine Schreibgruppe mit einem äußerst bösartigen Teilnehmer. Erscheint im November.
12. „Alterra – Die Gemeinschaft der Drei“ von Maxime Chattam
Diesen Jugendroman hab ich an einem Tag verschlungen! Er hat mich an „Die dreibeinigen Herrscher“ erinnert, weniger wegen der Story, wohl aber wegen der ähnlich spannenden Stimmung: Alle Erwachsenen sind über Nacht verschwunden oder haben sich in brutale Wesen verwandelt. Die Kinder und Jugendlichen sind nun auf sich selbst gestellt und nichts ist mehr, wie es mal war…
Großartig geschrieben! Gemein war nur das sehr offene Ende (und nun die Frage, wann der nächste Teil wohl erscheinen wird).
13. „Ich bin kein Serienkiller„ von Dan Wells
Erscheint erst Ende des Monats, daher nur soviel: Spannend, überraschend, gut!
15. „Eine Insel„ von Terry Pratchett
Mal ein ganz anderer Pratchett – inwieweit seine Krankheit zu diesem vergleichsweise ruhigem philosophischen Roman beigetragen hat, kann man nur spekulieren. Nicht das sich die Alzheimererkrankung an sich bemerkbar macht, nein, es sind die großen Fragen über das Leben und den Tod, die hier so ins Gewicht fallen. Eine Naturkatastrophe (eine große Welle) überschwemmt eine Insel und alle Bewohner sterben. Nur ein Junge überlebt. Und ein Mädchen strandet, nach einem Schiffbruch, auf der Insel. Leider sprechen die beiden nicht die gleiche Sprache und haben eine sehr unterschiedliche Kinderstube genossen…
Anders als seine Scheibenweltromane, doch auf jeden Fall sehr lesenswert!
16. „Für Uwe„ von Christian Ulmen
Was der Horst Schlämmer bei Hape Kerkeling ist, ist der Uwe Wöllner bei Christian Ulmen. Und Uwe hat ein autobiographisches Buch geschrieben. Über den Tod seiner Mutter, seinen Job im Beerdigungsinstitut, die erste eigene Wohnung und die Liebe. 100% Uwe: Schräg, witzig, und irre unterhaltsam!
18. „Trigger„ von Wulf Dorn
Da auch dieser Thriller noch nicht erschienen ist, ultrakurz: Extrem spannender Psychothriller! Sehr geeignet für Fitzek-Anhänger!
19. „Der Simulant„ von Chuck Palahniuk
Nun hab ich ihn komplett, alle Romane von Palahniuk, die in Deutschland erschienen sind. Dieser wurde übrigens letztes Jahr unter dem Originaltitel „Choke“ verfilmt ( hab ihn noch nicht gesehen).
Wie immer ein verstörendes Bild der amerikanischen Gesellschaft – bitterböse, rabenschwarz, empfehlenswert!
20. „Haut„ von Mo Hayder
Erscheint erst im November. Daher auch hier nur ganz kurz: Wieder ein absolut fesselnder Thriller!
21. „Ich, John„ von Peter Murphy
Ein eher düsteres Drama: John wächst allein mit seiner religiösen Mutter in einem kleinen irischen Dorf auf. Sein größtes Interesse gilt Würmern. Erst in dem etwas älteren Jamey findet er einen Freund. Und dann passiert etwas, was die Leben der beiden Jungen komplett aus den Angeln reisst. Äußerst stimmungsvolle Geschichte über Freundschaft und die Mutter-Sohn-Beziehung, doch es hätten ein paar Würmer weniger vorkommen können.
22. „Vampir„ von John Marks
Ich hatte gezögert, bevor ich zugriff; Vampirromane überschwemmen momentan den Büchermarkt, der Großteil ist Schund. Doch dieser hier war ein echter Glücksgriff! Eine dichte Stimmung, der Bram-Stoker-Vergleich vom Klappentext ist keine Übertreibung, hier gibt es einen lupenreinen Stil (klassisch und zeitgenössisch zugleich), eine durchweg spannende Story, eine geschickte Mischung aus Tagebucheinträgen und E-Mails verschiedener Figuren. Was mich allerdings ein wenig geärgert gewundert hat: Die Hauptfigur, eine TV-Produzentin, die nach Rumänien reist, um dort einen mysteriösen Unterweltboss zu treffen, heißt mit Nachnamen Harker, und obwohl die gängigen Dracula-Klischees erwähnt werden, wird noch nicht mal selbstironisch darauf eingegangen, dass bei Stoker auch einst ein Harker in die Kaparten reiste, um einem unheimlichen Mann zu begegnen.
Doch bei dieser Korinthenkackerei soll es bleiben, sonst war ich schwer begeistert!
23. „Ein strahlend schöner Morgen„ von James Frey
Der Hauptdarsteller dieses Buches ist eindeutig Los Angeles. Ein ganz besonderes Porträt dieser, in vieler Hinsicht, besonderen Stadt. Ein Episodenroman, der die Geschichten einiger Einwohner erzählt, so nah, so packend, dass man es nicht mehr aus der Hand legen kann. Dazwischen immer wieder Daten, Aufzählungen und Informationen über Los Angeles. Absolut Empfehlenswert!
Zwar nicht ausschließlich, aber größtenteils auf dem Balkon gelesen. Danke, liebe Sonne!
Notizbücher von Raymond Chandler
Von Chandler kannte ich bisher nur ein paar Kurzgeschichten und weiß, dass er die Philip Marlowe-Reihe geschrieben hat. Aber ich mochte seine Kurzgeschichten und Notizen von Schriftstellern lese ich ohnehin gern. Das dünne Taschenbuch hat wirklich einiges zu bieten: Vorwort von Patricia Highsmith, drei Kurzgeschichten, Notizen, Skizzen, Essays und Titelideen.
Chandler war schon ein Großer, ein Wortmagier, immer wieder gibt es unglaublich geschmeidige Zeilen, die man sich wie Karamell auf der Zunge zergehen lassen muss. Z.B.: „Das Haus selbst war ein herrlicher Bau im traditionellen elisabethanischen Stil, rote, mit der Zeit dunkel gewordene Backsteine und dick mit Blei verglaste Erkerfenster. Fette Spinnen schliefen dahinter wie Bischöfe, und ihre Netze verhängten stellenweise das Glas, und schläfrig äugten sie heraus, wo einst habichtgesichtigte Dandys in geschlitzten Wämsern auf England hinausgeblickt hatten, unbefriedigt in ihren hitzigen Tagen von dessen klösterlichem Charme.“ (S. 29 – aus der Kurzgeschichte „Englischer Sommer“)
Die Hexen von Eastwick von John Update Updike
Wo nun kürzlich die Fortsetzung (Die Witwen von Eastwick) erschienen ist, fand ich es an der Zeit, mich dem ersten Teil zu widmen, den ich bisher nur als Film kannte.
Die Handlung (setze ich einfach mal als grob bekannt voraus) und besonders das Ende unterscheiden sich bei beiden Medien ein wenig. Updikes Stil war mir manchmal zu überladen und verquatscht, und, mir hat das Ende im Film besser gefallen. Doch insgesamt war es ein unterhaltsames Lesevergnügen.
Unser allerbestes Jahr von David Gilmour
Wohl ein autobiographischer Roman, wenn man den Danksagungen Glauben schenken kann. Aber eigentlich total egal, denn es war ein Buch, das mir wirklich Spaß gemacht hat! David macht seinem lernfaulen Sohn einen unglaublichen Vorschlag: Er braucht nicht mehr zur Schule gehen, darf kostenfrei zu Hause wohnen bleiben, aber muss jede Woche mit seinem Vater drei Filme ansehen, die dieser ausgesucht hat. Natürlich schlägt Jesse sofort ein. Obwohl David manchmal leise Zweifel an seiner Idee kommen, ziehen die beiden es durch.
Ein wirklich schönes und warmes Buch über das Erwachsenwerden, Vater-und-Sohn-Beziehungen und über Filme. Zu vielen der angesehenen Filme gibt es interessante Anekdoten, Hintergrundwissen und Hinweise auf bestimmte Szenen. Toll!
Die Stadt der Diebe von David Benioff
Auch hier die Frage, ob es wirklich auf einer wahren Geschichte beruht; Im Vorwort erzählt David Benioff von einem Besuch bei seinen Großeltern und fragt diese nach ihrer Vergangenheit. Sein Großvater wird nun unser Ich-Erzähler und berichtet aus seiner Jugend in Leningrad. Im Winter 1942 ist Lew 17 Jahre alt, Kälte und Hunger beherrschen die belagerte Stadt. Er wird erwischt, als er einen toten deutschen Soldaten beklaut und landet zusammen mit dem charismatischen Soldaten Kolja, der sich unerlaubt von der Truppe entfernt hat, im Knast. Statt der befürchteten Todesstrafe erhalten die beiden eine Chance: Sollten sie innerhalb einer Woche 12 Eier für die Hochzeitstorte der Tochter des NWKD-Offiziers besorgen, dürfen sie am Leben bleiben. Eine fast unmögliche Aufgabe…
Ein großartiger Roman! Eine abenteuerliche und spannende Geschichte, grandios geschrieben, mit interessanten Figuren und einer dichten Atmosphäre, absolut empfehlenswert!